Artikel vom 24.12.2022

Wenn nicht jetzt, wann dann? Hochzeit zwischen Trümmern



Ein Tag im Dezember. Frisch Vermählte posieren für Hochzeitsfotos vor zerbombten Häuserzeilen, im Hintergrund werden Trümmer geräumt. Es muss schnell gehen: Nach zehn Minuten ist die Trauzeremonie beendet. Seit Kriegsbeginn steigt die Zahl der Trauungen in der Ukraine deutlich.

Heiraten im Krieg - und für die Familie kämpfen

Invasion und Krieg machen grausame Striche durch die Hochzeitspläne vieler Ukrainer. Seit Wochen bleibt auch zivile Infrastruktur von Angriffen nicht verschont, die Versorgungslage ist schlecht, Stromausfälle sind an der Tagesordnung. Auch die rückeroberten Gebiete in der Region Charkiw z. B. bleiben davon noch nicht verschont. Laut UN-Nothilfebüro (OCHA) sind dort über 140.000 Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen, es fehlt an allem, Wasser, Gas und medizinische Versorgung. Trotzdem - oder gerade deswegen - sagen jetzt besonders viele Paare Ja! zum Bund fürs Leben. Auch, wenn das Wohnhaus in der Nacht vor der Hochzeit Opfer von Raketen wurde. Also stößt man nach dem Ja-Wort mit der Familie kurz an - auf der Straße davor, berichtet der ukrainische Sender Suspilne. So mancher Bräutigam ist selbst Soldat: So sei es eben, die Situation sei ja bekannt, aber kein Hindernis für die Hochzeit - man kämpfe weiter, für die Familie.

Die beste Zeit für den Gang zum Standesamt? Heute, hier, jetzt

Zwar nicht alle, aber etliche Standesämter arbeiten wieder. Und derzeit gilt das Kriegsrecht: Paare, die in der Ukraine heiraten möchten, können - ob Soldaten oder Zivilisten - direkt das Aufgebot bestellen und noch am selben Tag den Bund der Ehe eingehen. Eine Möglichkeit, die seither allein in Kiew über 4.000 Paare genutzt haben. Nach mehreren Monaten der Schließung öffnete das zentrale Standesamt seine Türen wieder für Brautleute. Mit Verlegung der russischen Truppen Richtung Südosten kehrten auch - etwa nach Polen - geflohene Einwohner in die Hauptstadt zurück. Sie nutzen angesichts der ungewissen Zukunft die Chance, zwangsweise in der Heimat zurückgebliebene Partner für immer ans Herz zu drücken. Denn anders als Frauen und Kinder dürfen wehrpflichtige Männer zwischen 18 und 60 die Ukraine nicht verlassen. Daneben gibt es auch etliche Brautpaare, die ihre Trauung nun nachholen. Schnörkellos, mit Blick für das Wesentliche, ein bisschen Sonnenblumen-Schmuck, eine traditionelle, buntbestickte Wyschywanka als Statement ersetzt das Brautkleid.

Hochzeiten, Zeichen der Hoffnung

Andere, bereits standesamtlich Verheiratete, frischen jetzt ihr Gelübde auf und bekräftigen ihren Bund durch kirchlichen Segen. Zuviel Pathos, zu dick aufgetragen? Aus deutscher Distanz betrachtet vielleicht. Trotzdem ist es die Wahrheit: Der Krieg zwingt dazu, sich auf das zu besinnen, was wirklich zählt - und keinen Aufschub duldet. Weiterhin werden Diakone und Priester geweiht, Kinder geboren, Ehen als Zeichen der Hoffnung geschlossen. Und der Frieden herbeigesehnt, um das Ende des Krieges mit einem großen Fest zu feiern - nicht zuletzt auch mit all den weiblichen Verwandten, die in der Ukraine zurückblieben, um bei ihren Ehemännern zu sein. Auch wenn es das Restaurant, das man gebucht hatte, nicht mehr gibt, weil es der Krieg zerstört hat. Ja, wir wollen - jetzt erst recht! Bevor es an die Front geht, wo jeden Tag der Verlust des Lebens droht. Oder schlicht, um im Angesicht der Zerstörung das zu feiern, was heil geblieben ist: Die Liebe zueinander.

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