Artikel vom 12.10.2018

Lärm, Dreck, Chaos - nach uns die Sintflut! Auch Standesamt braucht Regeln



Konfetti, scheppernde Blechdosen, der Sekt fließt in Strömen, dazu Live-Musik - ein Muss, oder? Während frischgebackene Eheleute und Hochzeitsgesellschaft den schönsten Tag im Leben gebührend feiern, reagieren Standesamt-Anwohner zunehmend genervt. Wie jetzt in Münster, wo die Müllabfuhr Sonderschichten schiebt, um den bunten Strauß an Überraschungen später zu beseitigen.

Gästeexplosion: Standesamt platzt aus allen Nähten

Für die Nachbarn des Standesamtes Lotharinger Kloster, Münster, hat der Horror einen bösen Namen: Brauttourismus. Im Standesamt Hörsterstraße herrscht vor allem freitags und samstags Hochkonjunktur. An einem ausgebuchten Samstag geben sich hier 16 Paare das Ja-Wort, und dies alle halbe Stunde. Und die Zahl der Gäste wächst, so dass die Standesämter zu manchen Terminen aus allen Nähten platzen: Nicht selten rücken bis zu 120 Feiernde an. Weil der größere der beiden Säle maximal 60 Personen fasst, muss sich die übrige Hochzeitsgesellschaft draußen die Zeit vertreiben. Tritt das Paar hinaus auf die Standesamt-Schwelle, ergießt sich ein Regen aus Konfetti, Blüten und Plastikflitter über den Platz. Um sich anschließend, so genervte Anwohner, überall festzusetzen und in Gärten und Treppenhäuser rundum zu verteilen.

Trauung 2018: Mit lustigen Spielchen die Party einläuten

Kaum eine standesamtliche Trauung mehr ohne lustige Hochzeitspiele danach! Zeit, zum entspannteren Teil der Trauung überzugehen - und die Party einzuläuten. Entsprechend wimmelt das Web von Tipps für nachstandesamtliche Aktivitäten, die nach standesgemäßem Anfeuern und Jubeln schreien: Gemeinsam ein rotes Herz aus einem Bettlaken schnippeln, mit Bobbycars um die Wette fahren? Hochzeits-Pinatas zerschlagen oder Chöre, die "All you need is love" schmettern? Deutschland lässt's krachen. Dabei, so Jürgen Kupferschmidt, Leiter für Bürger- und Ratsservice, weise man Brautpaare im Vorab der Trauung darauf hin, was nicht erlaubt sei - und lasse sich dies sogar unterschreiben. Aber auch er räumt ein, dass Paare gegenüber ihren Festgesellschaften oft machtlos seien.

Regeln: Trauung als schönes Erlebnis für alle

Denn es gibt sie, von Amt zu Amt zwar variierende, aber dann klare Regeln für die Zeit im und nach dem Standesamt, nachzulesen auf den Webseiten der Kommunen. Glücksverheißenden Reis zu werfen, der hungrige Tauben anlockt, ist genauso unerwünscht, wie durch Blüten und Konfetti bei Nässe für Rutschpartien zu sorgen. Auch Tiere in städtische Dienstgebäude mitzubringen, ist - abgesehen von Assistenz- und Blindenhunden - untersagt. Trauung fotografieren oder auf Video aufnehmen? Ist mit dem Standesbeamten abzusprechen - zugunsten des würdigen Rahmens der Trauung, aber auch aus datenschutzrechtlichen Gründen. Denn jeder Standesbeamte hat das Recht am eigenen Bild - und am gesprochenen Wort. Auch Handyklingeln stört die feierliche Stimmung. Im Standesamt Boppard wird man noch deutlicher: Hier sind vor dem Trauzimmer "keine lärmenden Aktionen" erlaubt. Argument: Brautpaare hätten ja auch kein Verständnis dafür, wenn ihr besonderer Augenblick des Ja-Wortes durch Lärm von draußen gestört würde. Verständlich, denn regelmäßig der Fall, wenn das nächste Paar die Ringe tauscht, untermalt durch hörbare Partyfreuden der Gäste der Trauung davor.

Augsburg: Charme-Offensive für mitmenschenfreundliches Heiraten

Andererseits: Sollte, wer in die Nähe eines Standesamtes zieht, nicht mit der zu erwartenden Geräuschkulisse leben können? Vielleicht, trotzdem höhlt steter Tropfen den Stein, zerrt Lärm an den Nerven - und steht verdienter Erholung am Wochenende entgegen. Denn zwar nicht alle, aber gewisse Festgesellschaften haben das Zeug zum Anwohneralbtraum, weil sie nach dem Motto "Nach mir die Sintflut" feiern. Sind Anwohner und Behörden machtlos gegenüber modernem Brauchtum, von Flitterkanone bis Hupkonzert? Auch in Augsburg bahnten sich Trauungsgäste jahrelang den Weg durch die Maximilianstraße - hupend und auf quietschenden Reifen. Rechtlich laut § 30 Straßenverkehrsordnung eine Ordnungswidrigkeit, die mit Abgasbelästigung und Krach einhergeht. Bis Ordnungsreferent Dirk Wurm zur, so wörtlich, "Charme-Offensive" durchstartete - und für etwas plädierte, was man dort unter "umweltbewusstem und mitmenschenfreundlichem Heiraten" versteht. Um ein Bewusstsein der Rücksichtnahme zu schaffen, lud das Ordnungsreferat Hochzeitsfotografen und -organisatoren zum Gespräch ein. Aber Augsburg möchte Hochzeitspaare auch vor die Tore der Stadt locken - z. B. mit Eintrittsgutscheinen für den Botanischen Garten, als perfekte Fotokulisse.

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