Artikel vom 11.05.2021

Austreten, bitte! Run aufs Standesamt statt kirchliche Trauung



Missbrauchsskandale, Bischöfe, die ihren Sitz mit goldenen Wasserhähnen bestücken, die Weigerung, homosexuelle Paare zu segnen: Angesichts explodierender Kirchenaustritte gehen so manchem Standesamt die Termine aus. Wartezeiten von drei Monaten und mehr sind derzeit normal. Auch die Zahl kirchlicher Trauungen geht zurück. Liegt es an Corona - oder hat die Kirche ein Imageproblem?

Reihenweise Kirchenaustritte - mit langer Wartezeit

Wer aus der Kirche austreten will, hat zwei Optionen: Entweder einen (Online-)Termin beim Standesamt vereinbaren oder zum Notar gehen. Wer in München im Standesamt Ruppertstraße einen Austrittstermin braucht, muss dort momentan bis August warten. Doch nicht nur in der bayerischen Landeshauptstadt, sondern in ganz Deutschland kehren Gläubige der katholischen Kirche den Rücken. Eine Rolle für den Terminstau mag spielen, dass noch längst nicht jedes Standesamt Internetbuchungen anbietet. Allerdings haben auch eher konfessionsfreiere Städte wie Halle an der Saale Terminprobleme - und in Dresden ist nur noch etwa jeder Fünfte in der Kirche. Darunter sind einige, die nun zwangsweise Kirchenmitglied sind, weil Kirchensteuerrecht der Rechtswirklichkeit hinterherhinkt - und die Möglichkeit fehlt, schnell und digital aus der Kirche auszutreten.

Die Gründe? Die Kirche hat ein massives Imageproblem

Genaue Gründe für den Kirchenaustritt nennt kaum jemand beim Standesamt. Aber es scheint, dass es dabei weniger um Geld und gesparte Kirchensteuer geht. Sondern eher um sexuellen Missbrauch, Bischöfe wie den Limburger Tebartz Van Elst und den Woelki-Effekt: Viele Gläubige sind unzufrieden mit der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals durch einen Kardinal, der allen Vertuschungsvorwürfen zum Trotz weiter in Amt und Würden bleibt.

Kirchlich heiraten? Weil es so romantisch ist

Andere halten der Kirche die Stange - und sei es, um nach der Pandemie im festlichen Rahmen kirchlich zu heiraten. Wie Schlagersängerin Stefanie Hertel und Lanny Lanner. Weil man dabei die Energie, die von diesem heiligen Ort ausgehe, spüre, so Hertel im Interview. Redet die Braut in spe dabei wirklich von Gott - oder einer Energie-Zapfsäule als Erfüllungsgehilfen romantischer Hochzeitswünsche? Sicher ist, dass die in der DDR geborene Sängerin eine katholische Glaubenssozialisation vermissen lässt - und außerdem schon geschieden ist. Um sich hier gegenseitig das heilige Ehesakrament zu spenden, würden sich also erhebliche Hürden aufbauen.

Besonderer Zulauf in Krisenzeiten?

Aber nein: Die Pandemie konnte den Mitgliederschwund zwar etwas verlangsamen, doch nicht aufhalten. Hinzu kommt die päpstliche Order, keine gleichgeschlechtlichen Ehen zu segnen. Und auch wenn einzelne Seelsorger die Vorgaben aus Rom ignorieren: Die katholische Kirche verliert ein Mitglied nach dem anderen - auch Engagierte, die mit der katholischen Kirche aufgewachsen sind, von Taufe über Erstkommunion und Firmung bis zur kirchlichen Trauung. Zumal auch für heterosexuelle Paare Hürden an eine katholische Trauung geknüpft sind: Wer evangelisch getauft, aber geschieden ist, muss zunächst die Ungültigkeit seiner geschiedenen Ehe feststellen lassen, bevor er seine katholische Partnerin sakramental heiraten darf. Denn durch die kirchliche Taufe gilt für Rom die erste Ehe weiterhin.

Kirchenaustritt: Wenn schon, dann einfacher

Wie viele Katholiken bzw. Prostestanten jeweils austreten, schlüsseln die Standesämter meist nicht auf. Trotzdem, meinen Kritiker, wird durch die Nennung der Religionszugehörigkeit die Religionsfreiheit verletzt. Denn durch den Kirchensteuereinzug gibt es eine Pflicht, sich gegenüber dem Staat bei Kirchenaustritt zu offenbaren. Etwas, das auch einfacher gehen könnte - per einfachem Brief oder online statt monatelanger Wartezeiten. Schließlich klappt das bei anderen Pflichten auch. Als Weddinganbieter motorisierte Hochzeitskutschen anmelden? Kein Problem: Die Kfz-Zulassungsstelle hat noch Termine frei - alles nur eine Frage der Prioritäten!

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