Artikel vom 08.01.2019

Mazeltov! Mit Schidduch und Chuppa ins Familienglück



Erst verlobt, dann verliebt? Für orthodoxe Juden weltweit gelebte Liebes- und Eherealität! Zum Beispiel für die Schweizer Chaim und Ilana Lipschitz, die kürzlich im Interview mit der Neuen Züricher Zeitung den Brautschleier lüfteten: So geht Beschnuppern und Heiraten auf Jüdisch!

Orthodoxe Jüdin: Keine Männer weit und breit

Das jüdisch-orthodoxe Brautpaar verdankt dem Schidduch seinen Bund fürs Leben. Zwei Wochen später nach diesem "Vorstellen", einer Art Heiratsvermittlung, verlobte man sich - und war fünf Monate später ein Ehepaar. Dabei habe sie nichts gegen eine romantische Liebesheirat gehabt, bekennt die Braut. Allerdings habe sie, seit dem Kindergarten unter Mädchen aufgewachsen, außerhalb der Familie kaum Gelegenheit für Kontakte zum anderen Geschlecht gehabt. Ganz normal also, dass sich professionelle Vermittler oder Freunde gegen vierstelligen Teil der Mitgift auf die Suche nach der perfekten Match machen. Aber alles andere als einfach: Nicht nur in Zürich sind jüdische Gemeinden zahlenmäßig überschaubar, weshalb Bräutigam Chaim damit rechnete, seine Zukünftige in Israel - und Ilana den Ihren in Großbritannien zu finden.

Schöne Bescherung: Der Ehemann, der vom Himmel fiel

Doch es kam ganz anders. Denn Chaim war der nette junge Mann, der Ilanas Schwester, mit Baby auf dem Weg in den Flieger nach Tel Aviv, hilfreich unter die Arme griff. Eine Bekannte und ehemalige Lehrerin Ilanas beobachtete die Szene: Ein Bräutigam für Ilana? Eine göttliche Fügung natürlich, denn das Judentum kennt keinen Zufall: Hier wurde ein Ehemann beschert! Beide Eltern waren mit der Anbahnung einverstanden. Also kam der gegenseitige Background auf den Prüfstand - von Religiosität über Bildung bis zum Gentest auf das Tay-Sachs-Syndrom, eine unter jüdischen Familien verbreitete Erbkrankheit. Und weil es sich verbietet, über andere schlecht zu reden, behilft sich der Schidduch nach Art eines Arbeitszeugnisses wohlgesetzter Formulierungen, um auf etwaige Nachteile hinzuweisen. So konnte sich Ilana ein gutes Bild ihres Zukünftigen machen - denn Männer wie Chaim, die den Talmud studieren, sind auf Facebook nicht vertreten.

Berühren verboten! Erstes Treffen unter Zeugen

Aber: Ein Schidduch impliziert keine Heiratspflicht, eine arrangierte Ehe ist keine Zwangsheirat. Denn beide können jederzeit nein sagen. Trotz ist ein gewisser Druck der Familien, etwa, wenn diese hohe Erwartungen an den sozialen Aufstieg knüpfen, nicht von der Hand zu weisen. Außerdem haftet Männern, die eine große Zahl an Schidduchs erfolglos durchlaufen, der Ruf an, schwer vermittelbar zu sein. Weshalb Schidduch-Treffen zwar immer im Beisein von Zeugen an öffentlichen Orten, aber streng geheim stattfinden. Der Erstkontakt, so Ilana Lipschitz, hatte etwas von einem Bewerbungsgespräch - in einem 5-Sterne-Hotel in Zürich. Nicht einmal die Hand durften sich die beiden geben. In zwei Stunden wurde alles abgeklopft: Familie, Interessen, Zukunftsvorstellungen - alles kam auf den Tisch der Hotellobby. Sich in eine Schickse (eine Nichtjüdin) zu vergucken, steht nicht auf der Agenda: Braut wie Bräutigam müssen jüdischen Glaubens sein - und dies durch den jüdischen Ehevertrag der Eltern und Ledigkeitsbescheinigung belegen.



Ist man sich einmal einig, ist der Weg aufs Standesamt ein schneller Katzensprung - vielleicht, weil man sich erst dann berühren darf? Jetzt lautet die Pflicht nach 1. Buch Mose: Seid fruchtbar und mehret euch! Dazu sollen Frauen Männer und Juden unter Juden heiraten - alternative Formen kommen bei jüdisch-orthodoxer Eheschließung nicht infrage. Wer nicht heiratet, gilt als nicht vollkommen. Wer nur zivil im Standesamt getraut wird, ist halachisch betrachtet nicht verheiratet: Stirbt der Partner, ist die Witwe nicht zur Trauer verpflichtet. Auch wann der Bund fürs Leben gesegnet wird, folgt festen Regeln: Heiraten am Sabbat? Oder zwischen Pessach und Schawuot? Geht nicht. Dafür ist der Dienstag als dritter Schöpfungstag beliebt. Motto: Gott sah, dass es gut war - es gibt schlechtere Omen für ein erfülltes Eheleben.

Per Ehevertrag verbrieft: Gattin erotisch zufriedenstellen

Doch jetzt ist es soweit: Hochzeitsgesellschaft und Paar versammeln sich unter Gottes freiem Himmel. Der Bräutigam führt seine verschleierte Braut unter das gemeinsame Familiendach, die Chuppa - einen seidig-samtenen Baldachin. Beide tragen Weiß, auch der Bräutigam, die Kippa auf dem Haupt, den Tallit (Gebetsmantel) über den Schultern und einen Gotel unter dem Jackett - Symbol der Trennung unterer und oberer Körperhälfte. Dabei geht es bewusst locker zu: Ohne Krawatte, ohne Schnürsenkel - denn Knoten sind verboten. Die Braut - in langem weißem Brautkleid - trägt keinen Schmuck. Wozu auch? Schließlich wird jede Braut unter der Chuppa zur Königin, ob arm oder reich. Zu Heiligung und Angelobung leert das Paar einen gesegneten Hochzeitsbecher Wein. Jetzt streift er ihr den Ring über den rechten Zeigefinger, schlicht, ohne Diamant. Dann verliest der Rabbiner die Ketuba. Heiratsurkunde und Ehevertrag, mit dem sich der Mann verpflichtet, seine Frau zu ehren, zu kleiden - und, ganz prosaisch, ihre Liebesbedürfnisse zu befriedigen.

Scherben bringen Glück oder Warum Ilana Perücke trägt

Mit sieben Segenssprüche (Schewa Berachot) und einem weiteren Schluck Wein endet die Trauung. Jetzt wird es laut! Unter dem Jubel der Gäste zertritt der frischgebackene Bräutigam das Glas mit dem Absatz - schließlich hält das Eheleben sowohl Glück als auch Schmerz bereit. Was man(n) nicht wörtlich nehmen sollte - festes Schuhwerk empfohlen. Inzwischen gibt es in Deutschland mehr als 100 unterschiedlichste jüdische Gemeinden - mit über 105.000 Mitgliedern. Doch woran erkennen Sie, dass eine orthodoxe Jüdin verheiratet ist? Dass Ehefrauen wie Ilana ihr Haar verbergen, ist erst auf den zweiten Blick zu sehen - weil es sich, statt unter einem Tuch, unter einer Perücke versteckt. Ist der Schidduch ein erfolgreiches Konzept? Die niedrige Scheidungsrate jüdisch-orthodoxer Gemeinschaften scheint dafür zu sprechen. Gleichzeitig ist die Beliebtheit des Bundes unter der Chuppa ungebrochen. Gerade Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion nutzen die neue Möglichkeit, nach jüdischem Ritus zu heiraten - und sei es nachträglich, zur Goldenen Hochzeit. Liebe ist gelebte Zweisamkeit, gewachsen durch gemeinsame Erfahrungen und bestandene Herausforderungen: Masel tov - viel Glück!

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