Artikel vom 12.10.2025
Zölibat vor dem Aus - dürfen katholische Priester bald heiraten?
Der Zölibat ist geistlicher Lebensentwurf: Priester und Nonnen dürfen nicht heiraten, sondern müssen in Ehelosigkeit und sexueller Enthaltsamkeit leben. Doch jetzt prescht der Bischof von Speyer vor und fordert: Katholische Pfarrer sollen heiraten dürfen. Kommt bald das Aus für den Pflichtzölibat?
Sich der Kirche widmen? Auch verheiratet möglich
Kurz vor der Herbst-Vollversammlung der deutschen Bischöfe fordert ein hochrangiger Kirchenmann im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) die Ehe für Priester. Eine Revolution! Noch nie wurde derart klar Position bezogen. Für den Bischof von Speyer Karl Heinz Wiesemann kommt es vor allem darauf an, sich Jesus Christus und der Kirche voll zu widmen. Das sei auch verheiratet möglich - und bringe zudem auch andere Aspekte zum Leuchten, so Wiesemann. Wo katholische Priester bei Heirat ihr Amt aufgeben müssen, verliere die katholische Kirche Seelsorger. Gute Leute, die jedoch den Zölibat nicht leben wollten.
Zölibat auf Zeit, um sich zu prüfen
Wiesemann plädiert für ein neues Modell der Ehelosigkeit auf Zeit: Die Erfahrung zeige, dass sich die Probleme, im Zölibat zu leben, oft erst nach fünf bis zehn Jahren offenbarten. Daher schlägt der Bischof von Speyer vor, zunächst enthaltsam zu leben, um sich selbst zu prüfen. Erst dann das ewige Gelübde abzulegen, stärke die Zeugniskraft des Zölibats. Ein Lebensentwurf, der 1139 mit dem zweiten Laterankonzil unter Papst Innozenz II. eingeführt wurde - nicht zuletzt aus handfesten monetären Erwägungen. Ohne Ehe gab es weder Kinder, noch Witwe, noch Erben, der Besitz blieb in Kirchenhand. Im frühen Christentum dagegen waren gute Ehe und Familie Voraussetzung für ein hohes Kirchenamt - und auch Apostel wie Petrus waren verheiratet.
Gute Pfarrer: Sexuell aktiv statt einsam
Seither ist der Zölibat gem. Canon 277 § 1 Codex Iuris Canonici für angehende Priester der römisch-katholischen Kirche verpflichtend. Doch immer mehr katholische Pfarrer sind sich sicher, dass der verheiratete Priester kommen wird. Wie Rainer Maria Schießler, der in einer Beziehung lebt. Gefragt, ob sich dies mit dem Zölibat vertrage, bekräftigt der Seelsorger, dass zölibatäres Leben nicht bedeute, zur Einsamkeit verurteilt zu sein. Weil auch verheiratete, sexuell aktive Männer sehr gute Priester sein könnten. Wer dagegen zölibatär leben wolle, solle dies tun - aber jeder Priester solle darüber selbst entscheiden.
Papstberater: Ehelosigkeit nicht mehr zeitgemäß
Damit ist Rainer Maria Schießler in guter Gesellschaft: Auch der Vertraute von Papst Franziskus und Erzbischof von Malta, Charles Scicluna, hatte verlangt, den Zölibat ernsthaft zur Diskussion zu stellen. Der Rechtsexperte ist beigeordneter Sekretär im Amt für Glaubenslehre und als Aufklärer in Missbrauchsfällen von Einfluss. Angesichts der Verpflichtung in Keuschheit zu leben, pflegten Priester Verbindungen im Geheimen, aus denen auch Kinder hervorgingen - das sei heute weltweit Realität. Junge Leute nur deswegen zu verlieren, weil sie heiraten wollten, mache keinen Sinn. Der Zölibat sollte, wie in der Frühzeit, wieder freiwillig sein.
Amazonas: Priester verzweifelt gesucht!
Was sagt der neue Papst, Leo XIV., zur Reformdiskussion? Für den Amazonas scheint sich nach einem päpstlichen Telegramm an die dortigen Bischöfe eine Lockerung anzudeuten. Denn die Region sucht händeringend Geistliche: Wie sonst sollen wir hier weiter Abendmahl feiern? Schon 2019 dachte die Amazonas-Synode über die Option nach, passende, verheiratete Männer der lokalen Gemeinden - so genannte Viri Probati - zum Priester zu weihen. In Deutschland dagegen ist der Priestermangel derzeit noch überschaubar: Pastoraltheologen und Kirchenrechtler deuten das Telegramm als Zeichen, nach pragmatischen Lösungen zu suchen. Kardinal Reinhard Marx hält eine Lockerung des Zölibats ebenfalls für denkbar, falls sich Papst entscheide, die Heirat für Priester anderswo zu erlauben.
Aus für den Zölibat - nur noch eine Frage der Zeit
Fakt ist, dass der Zölibat weniger Glaubenswahrheit, sondern vor allem Kirchengesetz ist. Während Papst Franziskus bezweifelte, dass die Abschaffung des Zölibats zur Berufung von mehr Priestern führt, signalisiert Papst Leos Telegramm: In der Not darf geheiratet werden - ansonsten bleibt es beim Zölibatsgebot! Fazit: Auch wenn in Deutschland nicht mit einer schnellen Zölibatsreform zu rechnen ist, die Diskussion um neue priesterliche Lebensentwürfe mit kirchlichem Segen nimmt Fahrt auf!
