Artikel vom 17.12.2019

Shame on you! Lesbische TV-Küsse - und das zu Weihnachten



Was für eine Schande! Hallmark, US-Postkartenurgestein und konservative Gallionsfigur, hat es tatsächlich gewagt: Fernsehspots, die küssende Bräute vor dem Traualtar zeigen! Das konnte die konservative Vereinigung One Million Moms nicht stillschweigend hinnehmen - und entfachte einen Sturm der Entrüstung. Mit Erfolg?

Nein - soetwas strahlt man nicht aus!

Schon gar nicht im traditionellen Hallmark Channel, wo man die Entscheidung zurücknahm, Hochzeitsanzeigen des Hochzeitsplaners Zola Inc. zu senden, die gleichgeschlechtliche Paare zeigten. Vier solche Spots hatten bisher die Ausstrahlung erlebt - und jedes Mal ein lesbisches Paar gezeigt. Wieso der Rückzug? Angeblich, weil die Diskussion um derartige Inhalte dem Hallmark-Unterhaltungsgedanken entgegenstand. Man wolle sich aus Kontroversen heraushalten. Denn die Anzeigen hatten in den Sozialen Medien, besonders bei Twitter, einen Sturm der Entrüstung ausgelöst.

Nein - das gehört sich nicht ...

... tönte die konservative Vereinigung One Million Moms, Zweig der American Family Association, beschwerte sich über die "fragwürdigen" Spots und rief in einer Petition zum Boycott des Hallmark-Senders Crown Media auf. Soetwas widerspräche christlichen und konservativen Werten, wie sie gerade in der Weihnachtszeit durch das Hauptpublikum von Hallmark vertreten würden.

Tolle Lesben gucken keinen Hallmark "Weihnachtskram"

Schauspielerin Sandra Bernhard, bekannt als eine der ersten offen bisexuellen Charaktere (aus Roseanne im Network TV), nahm bei ihrer Kritik an der Hallmark Entscheidung kein Blatt vor den Mund: Die tollen Lesben, die sie kenne, guckten den Hallmark "Weihnachtskram" sowieso nicht, twitterte Bernhard. Denn sie feierten lieber mit der Familie ihrer Frau, ihren Kindern und Freunden. Oder heirateten mit Stil. Familie sei nämlich "all inclusive". Auch die Community Glaad, die für die Rechte Homosexueller eintritt, forderte inserierende Unternehmen in einem Tweet dazu auf, den Kontakt zu Hallmark besser abzubrechen.

Hallmark Inc.: Wieder zurückgerudert

Einst hatte Hallmark, nach eigenen Angaben, die Anzeigen gestartet, um die LGBTQ Community quer durch das Portfolio der Hallmark-Marken besser zu repräsentieren. Chef Mike Perry entschuldigt sich: Es tue ihm leid, dass man Menschen verletzt und enttäuscht habe. Zola sei bereits kontaktiert worden, um die restlichen Spots zu reaktivieren. Man arbeite seit 2017 mit Zola und habe schon vorher gleichgeschlechtliche Paare gezeigt - nie ein Problem. Die Entschuldigung wurde durch die Vorsitzende von Glaad, Sarah Kate Ellis, nun als wichtige Botschaft an Schwule und Lesben goutiert - und als herber Rückschlag für Organisationen wie One Million Moms. Ja, man werde Teil von Anzeigenlandschaft und Familienprogrammen sein und bleiben, um gleichgeschlechtliche Liebe öffentlich zu feiern.

Gleichgeschlechtliche Paare im Traditionsmedium Fernsehen angekommen

Auch zur Weihnachtszeit, wie der schwule Kuss zum Ende des kuscheligen Wohlfühlfilms Twinkle all the Way zeigt. Eine Christmas-Movie Revolution, die die glitzernd weißverschneite, typische Heterowelt des Fests der Liebe gehörig durcheinander schüttelt. Und Netflixes Let it Snow? Wählt als Thema ebenfalls eine gleichgeschlechtliche Romanze. Auch Hallmark tut gut daran, endlich mit der Zeit zu gehen: Fast zehn Jahre lang konnte der Hallmark Kabelkanal auf wahres Binge-Watching von Oktober bis Dezember und vor allem zu Weihnachten zählen. In den letzten Jahren hielten gleichgeschlechtliche, aber auch Paare unterschiedlicher Ethien mehr in mehr Einzug in Marketing und Fernsehspots - darunter Mastercard, Expedia und Tiffany.

Marketing muss reales Leben abbilden

Wie die jüngste Zola-Kampagne zeigt, wollte Hallmark hier keine Ausnahme machen. In Deutschland wird jede 14. Ehe unter Gleichgeschlechtlichen geschlossen - Tendenz steigend. Bei uns können sich homosexuelle Paare seit 2017 offiziell das Ja-Wort geben. Über 33.000 Paare haben seither die Chance ergriffen. Volker Nickel, Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) bringt den Trend so auf den Punkt: Werbung generiere Aufmerksamkeit, indem sie erfolgreich versuche, reales Leben aktuell abzubilden. Homosexuelle in TV-Spots zeigten, dass Homosexualität in der Gesellschaft akzeptiert würde. Höchste Zeit also, zu erkennen und zu akzeptieren: Hier geht es um Liebe. Und die kommt eben in allen Formen, Größen - und Beziehungen!

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